16
März
ANTRIEB AUS DER LUFT: DIE BEMERKENSWERTE GESCHICHTE DER ATMOS
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Seitdem sie im Jahr 1928 erstmals das Licht der Welt erblickte, sorgt die Atmos für Faszination, und die Schönheit ihres Mechanismus steht ihrer magisch anmutenden Funktionsweise in nichts nach.

Die Menschheit ist schon lange von der Idee eines Perpetuum-Mobiles begeistert – eines Geräts, das ohne externe Energiequelle bis in alle Ewigkeit autonom in Betrieb bleiben kann. Die Fertigung eines solchen Mechanismus ist jedoch niemandem je gelungen, aus dem einfachen Grund, dass dieses Prinzip den Gesetzen der Physik widerspricht.

Dennoch hat Jaeger-LeCoultre eine Uhr entwickelt, die dem Perpetuum-Mobile näher kommt als jeder andere je zuvor hergestellte Mechanismus: die Atmos.

Antrieb aus der Luft

©2018 Jaeger-LeCoultre

Im Jahr 1928 stellte Jean-Léon Reutter, ein in Neuenburg geborener Ingenieur, den Prototyp einer Uhr vor – heute bekannt als Atmos 0 –, der den Gesetzen der Physik zu trotzen schien: Ohne Batterie, Strom, Aufzug oder jeglichen anderen externen Eingriff konnte die Uhr über Jahrhunderte in Betrieb bleiben.

Das mechanische Prinzip, das der Atmos zugrunde liegt, ist einfach, aber extrem schwierig in der Umsetzung: Die für den Antrieb der Uhr erforderliche Energie stammt aus den normalen, alltäglichen Schwankungen der Raumtemperatur. Diese thermische Energie wird in mechanische Energie verwandelt, die letztlich die Bewegung der Unruh antreibt. Das Geheimnis beruht auf einer hermetisch abgedichteten, mit Gas befüllten Kapsel, die über eine Membran mit der Antriebsfeder der Uhr verbunden ist. Schon kleinste Temperaturschwankungen ändern das Gasvolumen und sorgen dafür, dass sich die Membran ausdehnt und zusammenzieht – wie der Blasebalg eines Akkordeons „atmet“ –, um so die Feder aufzuziehen. Eine Abweichung von nur einem Grad Celsius kann die Uhr für 48 Stunden in Betrieb halten.

©2018 Jaeger-LeCoultre

Da dieses bemerkenswerte System nur sehr wenig Energie produziert, darf das Uhrwerk nur möglichst wenig verbrauchen. Der Verbrauch ist tatsächlich so gering, dass die Energie einer einzelnen 15-Watt- Glühbirne der Energie von 60 Millionen Atmos Tischuhren entspricht. Der Mechanismus verwendet ein Torsionspendel, um die Zeit zu messen, und die Unruh besteht aus einem Metallring, der an einem dünnen Draht aus Elinvar aufgehängt ist, einer Legierung auf Basis von Nickel. Da diese ringförmige Unruh für eine vollständige Schwingung eine Minute benötigt, verbraucht sie nur ein Vierzigstel der Energie einer gewöhnlichen Armbanduhr.

Vom Prototyp zum preisgekrönten Objekt

©2018 Jaeger-LeCoultre

1930, zwei Jahre nachdem Reutter seinen Prototyp präsentiert hatte, wurden die ersten Exemplare der Atmos verkauft, doch sie waren mit einigen technischen Problemen behaftet, sodass die Kommerzialisierung und die Produktion schnell ins Stocken gerieten.

Als Jacques-David LeCoultre in einer Pariser Boutique zufällig auf eine Atmos stieß, war er von ihrer einzigartigen Funktionsweise fasziniert und kaufte sie. Er erkannte schnell, dass der Mechanismus trotz der Brillanz von Reutters Konzept nicht umsetzbar war und Probleme aufwies, die seiner Meinung nach nur durch ein außergewöhnliches Maß an Uhrmacherkunst gelöst werden konnten. Die Manufaktur kontaktierte Reutter, der sofort begeistert war und nach Le Sentier reiste, um unter der Leitung von Jacques-David LeCoultre an der „neuen Atmos“ zu arbeiten. Während sie eine aktualisierte Version verkauften, die Atmos I, bestand für beide Männer die klare Absicht, den Mechanismus weiter zu verbessern und ihre Produktion zu kommerzialisieren.

Zu den wichtigsten Verbesserungen gehörten: eine bessere Luftdichtheit, die für die ordnungsgemäße Funktion des Uhrwerks erforderlich ist, der Ersatz des von Reutter verwendeten Quecksilbers durch das stabilere Ethylchlorid, und eine Überarbeitung der wichtigsten Komponenten des Mechanismus, um sie einfacher, robuster und für die Serienproduktion geeignet zu gestalten. 1939 war Jaeger-LeCoultre schließlich mit dem neuen Kaliber 519 zufrieden und begann mit der Vermarktung der Atmos II.

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten, und die Atmos wurde schon bald zum preisgekrönten Kultobjekt. 1950 wurde sie zum offiziellen Geschenk der Schweizer Regierung. 1951 erreichte die Produktion 10.000 Exemplare pro Jahr, und im Jahr 1979 verließ die 500.000. Uhr die Manufaktur in Le Sentier.

Dennoch besaß der Mechanismus der Atmos eine Einschränkung: Da er nur sehr wenig Energie produzierte, blieb nicht genug übrig, um die Uhr mit zusätzlichen Funktionen auszustatten. Dieses Problem löste Jaeger-LeCoultre im Jahr 1982 mit einem neuen Uhrwerk – dem Kaliber 540 –, das bei nur minimal erhöhtem Energieverbrauch die Integration zusätzlicher Funktionen ermöglichte. Ende der 1990er-Jahre entwickelten die Ingenieure der Manufaktur die erste Atmos mit Mondphasen. Seitdem wurden der Uhr noch weitere Komplikationen hinzugefügt: Himmelskarten, Reglerzifferblätter, die Anzeige der Zeitgleichung und sogar ein Constant Force Mechanismus, auch bekannt als remontoir d’égalité.

Die Entwicklung eines klassischen Designs

©2018 Jaeger-LeCoultre

Die Atmos ist mehr als nur eine technische Meisterleistung. Sie ist ein Kunstwerk. Die originale Atmos I ist mit ihrer „Glaskuppel“ ein frühes und ausgesprochen schlichtes Beispiel für die Stromlinien- Moderne und heute bei Sammlern heiß begehrt. Die zeitlosen Linien des Art-Déco und das perfekt ausgeglichene, geradlinige Design der Atmos II haben dem Glasgehäuse seinen Status als Klassiker gesichert. Mit einer perfekten Kombination aus Funktionalität und Stil hat die Form dieses Gehäuses die ausdrucksstarke ästhetische Identität der Atmos im Laufe der Jahrzehnte verankert.

Das Gehäuse selbst bot auf natürliche Weise Raum für verschiedene künstlerische Interpretationen. Seit den 1970er-Jahren hat Jaeger-LeCoultre mit einigen talentierten Designern und Kunsthandwerkern zusammengearbeitet, um Special Editions der Atmos herauszugeben, insbesondere solche mit astronomischen Komplikationen. Zu einigen herausragenden Beispielen gehören die futuristische Atmos du Millénaire Atlantis, die 1999 anlässlich des neuen Jahrtausends lanciert wurde und auf einem einzigartigen Modell der Pariser Designagentur Kohler & Rekow aus dem Jahr 1988 beruht, die Atmos 566 by Marc Newson mit einem Gehäuse aus handgemachtem Baccarat- Glas, in dem der Mechanismus völlig schwerelos zu schweben scheint, und die prachtvolle Atmos Marqueterie „Le Baiser“ aus dem Jahr 2012, deren Gehäuse aus seltenem Holz mit einer exquisiten Marketerie-Interpretation von Gustav Klimts Gemälde „Der Kuss“ versehen ist. Im Laufe der Zeit wurde die Atmos mit uralten dekorativen Künsten wie Holzmarketerien, Strohintarsien, Email, Edelsteinbesatz und verschiedenen Techniken der Glaskunst versehen und mit der gleichen künstlerischen Kreativität und sorgfältigen Handwerkskunst verarbeitet, die die Grande Maison auch in ihre Armbanduhren fließen lässt.

Alle Uhrwerke der Atmos werden vollständig in der Manufaktur, in einem speziellen Atmos Atelier und von Hand entwickelt, hergestellt und zusammengesetzt. Ohne die fünf Wochen einzuberechnen, die jeder Atmos Mechanismus für die Einstellung benötigt, kann es acht bis zehn Monate in Anspruch nehmen, um eine einzelne Uhr herzustellen.

Über neun Jahrzehnte nach ihrer Erfindung bleibt die Atmos ein einzigartiger und faszinierender Zeitmesser – eine großartige Hommage an Design, technische Virtuosität und Tradition, die durch die Schönheit ihrer Form, die ruhige Bewegung ihrer Unruh und das Geheimnis ihrer Funktionsweise besticht.

2022 wird die Manufaktur Jaeger-LeCoultre der Atmos beim Homo Faber Event alle Ehre erweisen, einer außergewöhnlichen, aus 15 Ausstellungen bestehenden Veranstaltung, bei der herausragende Kunsthandwerker vorgestellt werden. Die Maison Jaeger-LeCoultre wurde aufgrund ihres exquisiten uhrmacherischen Savoir-faires ausgewählt und wird in der Ausstellung „Genealogies of Ornament“ vertreten sein, um dort die komplexen handwerklichen Fähigkeiten und die gesammelte Expertise der Uhrmacher und Kunsthandwerker zu präsentieren. Die Atmos, gleichermaßen Zeitmesser und Kunstwerk, steht rund um die Welt als Symbol für Schweizer Handwerkskunst und Erfindergeist. Die Ausstellung Homo Faber findet vom 10. April bis zum 1. Mai 2022 auf der Insel San Giorgio Maggiore in Venedig statt.

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